Suchen |
Von der Kunst, ein Unternehmer zu seinFaltin, G., 2004: "Von der Kunst, ein Unternehmer zu sein", Nachwort zu: Gratzon, The Lazy Way To Success, Bielefeld.Was wir Deutschen aus diesem Buch lernen könnenNicht mehr hart arbeiten? Sogar überhaupt nicht mehr „arbeiten“? Eine Hängematte im Büro aufspannen? Wird Ihr Chef davon begeistert sein?Wahrscheinlich nicht. Aber diese Frage will ich vorerst zurückstellen. Denn mich fasziniert an dem Buch etwas anderes. Selbst wenn wir zu der Ansicht kämen, dass Fred Gratzons Thesen für Millionen von weisungsgebundenen Arbeitern und Angestellten in heutigen privaten oder öffentlichen Betrieben gar nicht anwendbar sind – selbst in diesem unwahrscheinlichen Fall hätte sein Buch einen hohen Wert. Denn seine Aussagen gelten zweifelsfrei für jene, die einer „eigenen“ beruflichen Tätigkeit nachgehen – als Freiberufler, als Unternehmer, als Entrepreneure. Ihnen macht Fred Gratzon Mut. Und das können wir nicht hoch genug schätzen. In einer Zeit, da der Gründerboom der Neunziger Jahre mit dem Zusammenbruch der New Economy zerplatzt ist; da Start-up-Unternehmen, Neuer Markt und Risikokapital-Milliarden verschwunden sind und wenig mehr hinterlassen haben als die Klein-Klein-Politik der „Ich-AGs“ – in dieser Zeit macht Gratzon auf seine ganz persönliche Art Mut zu unternehmerischer Initiative. Und er erklärt auch noch, wie es geht. Soll heißen: welche Grundvoraussetzungen ein erfolgreicher Unternehmer eigentlich mitbringen müsste. Das begeistert mich als Wirtschaftswissenschaftler. Und diesen Punkt sollten wir hier noch einmal näher betrachten. Gratzon weiß, wovon er spricht. Er hat selbst zwei Unternehmen gegründet mit großem, spektakulärem Erfolg. Er hat das nach eigener, absolut glaubhafter Aussage getan, ohne sich sonderlich anzustrengen, im wahrsten Sinne des Wortes von der Hängematte aus. Was ist sein Geheimnis? Aus Gratzons Beispiel wird klar, dass unternehmerische Tätigkeit heißen kann – und heißen muss –, die eigene Berufung zu finden. Etwas sehr Eigenes zu tun, das einem „liegt“, das persönlich Sinn macht, das die eigenen Sinne belebt, die eigenen Talente und Fähigkeiten entfaltet. Wir sollen herausfinden, schärft der Autor uns ein, wo jene „Arbeit“ liegt, die wir gar nicht als Arbeit empfinden – weil sie uns Freude und Genuss bringt; weil wir sie auch mit Begeisterung täten, wenn kein Umsatz damit zu machen wäre. Es geht, anders ausgedrückt, um die eigene unternehmerische Idee, die unternehmerische Vision. Diese Idee muss passen. Nicht nur zum Markt – nein, auch zu mir. Wo soll ich sonst das Selbstbewusstsein, die Begeisterung, die Energie her nehmen, die ich brauche, um „den Markt“ von meiner Vision zu überzeugen? Das heißt auch: Die Idee muss gut durchdacht sein. In Ruhe durchdacht, mit Vergnügtheit, mit kindlicher Begeisterung und mit Offenheit für das Neue, noch Unerprobte. Das, in der Tat, geht nur mit Muße, nicht mit Zeitdruck oder Aktionismus. Viele Arbeitsschritte gehen wir besser in Gedanken. Mit vergnügtem Nachdenken kommen wir auf Lösungen, von denen wir in der Hektik des Alltags nicht geträumt hätten. Einfache Lösungen ergeben sich meist nicht zu Beginn, sondern am Ende des Durchdenkens – aus der Souveränität, aus dem Abstand zum Problem. An das alles erinnert Gratzon uns mit liebevollem Nachdruck. Ein eigenes Unternehmen gründen, ohne hart zu arbeiten: Geht das denn? Muss der Unternehmer nicht selbst die Arbeitstugenden vorleben, die er von den Angestellten erwartet? Morgens der Erste im Büro sein und abends der Letzte? Nein. Das ist eine immer noch verbreitete Vorstellung, obwohl sie aus dem letzten Jahrhundert stammt, fast schon aus dem vorletzten, und im Grunde schon damals überholt war. Denn in diesem Konzept wird die unternehmerische Tätigkeit gleichgesetzt mit den Aufgaben des Managers. Sie sind aber nicht gleich. Im Gegenteil: Beide stellen höchst unterschiedliche Anforderungen mit anderen Zeithorizonten. Beim Unternehmer geht es um die Orientierung nach draußen, um Intuition und Einfühlungsvermögen für neue Trends, um den Blick auf fernere Horizonte. Beim Manager geht es um den Betriebsalltag, um Organisation und Verwaltung, um die möglichst effiziente Verbindung von Innen und Außen. Daher unterscheidet die wirtschaftswissenschaftliche Literatur in den angelsächsischen Ländern zwischen Entrepreneurship und Business Administration. Wir kennen diese sprachliche Unterscheidung im Deutschen leider nicht. Im Begriff der „Unternehmensführung“ vermengen wir beide Funktionen, was uns gelegentlich in die Irre führt. |